Meine Chemotherapie

Ein Jahr lang mit kleinen Pausen habe ich wöchentlich die Chemotherapie bekommen. Die Dauer war notwendig, um den ungebetenen Gast zu bändigen. Warum so lange? Auch wenn der Oberbegriff Brustkrebs ist, gibt es doch 'zig Arten und unsere biologischen Konstellationen sind unterschiedlich.

Aufgeregt bin ich zur onkologischen Ambulanz in der Charite-Mitte zur ersten Chemo gefahren. Was mich wohl dort erwartet und wie geht es mir danach? Nach dem Arztgespräch erfolgte eine Einweisung in den Ablauf der Chemo und mir wurde die Station der ambulanten Onkologie mit den entsprechenden Räumen vorgestellt. Von den Schwestern wurde ich liebevoll empfangen und meinen Mitstreiterinnen vorgestellt. Auf der Station werden unterschiedliche Krebserkrankungen therapiert und für die "Brustler" (so haben wir dann den Raum genannt) sind 6 Therapiesessel vorhanden. 3 Plätze waren schon belegt und die Mitstreiterinnen haben mir sofort Hilfestellung gegeben, wo bekomme ich Getränke usw. Für mich war es sehr angenehm, dass das Thema Krebs  bei den Gesprächen nicht im Vordergrund stand. Es gab viele hilfreiche Tipps um das Thema. Antrag auf Schwerbeschädigung, Beantragung des Zweithaares, Kopfbedeckung usw.  Ich wusste ja schon einiges durch die Krebserkrankung meines Mannes aber wie sagt man so schön: man lernt nie aus!

Ich habe bei meinen Sitzungen tolle Frauen aller Altersgruppen kennengelernt. Die ersten 3 Sitzungen habe ich sehr gut vertragen, dann flüchteten meine Haare. Ich habe nicht lange gewartet und die Haarpracht zügig abrasieren lassen. Inzwischen hatte ich mir eine Perrücke geholt und diese dann aufgesetzt. Das Tragen des Zweithaares fand ich schrecklich und so habe ich mich für Mützen und Tücher entschieden. Da das Tragen von Kopfbedeckungen zu jeder Jahreszeit mittlerweile zu einem gängigen Accessoire geworden ist, waren die "Blicke" erträglich.

Im Laufe der Zeit hat sich eine tolle Gruppe gebildet und unsere Sitzungen haben wir dann auch kulinarisch gemeinsam mit selbstgebackenem Brot, selbstgemachter Creme de Paris, Rohkost und zur Weihnachtszeit mit Marzipankartoffeln und die leckeren, einmaligen selbstgebackenen Kekse dank der Schwiegermama von Cordula für uns angenehm gestaltet, schließlich sitzen wir 3- 5h zusammen.

Leider hat es nicht immer mit den gemeinsamen Stunden geklappt und so habe ich auch schweigsame Sitzungen kennengelernt. Wir ticken nun mal nicht alle gleich. Die Sitzungen in lockerer Atmosphäre, tolle Gespräche führend und den Ausstausch von Tipps fand ich für mein Allgemeinbefinden unheimlich wichtig und wohltuend.

Bei den Ärzten, Schwestern und wissensaftlichen Mitarbeitern/innen fühle ich mich super aufgehoben.

Dank der Hartnäckigkeit meiner Hausärztin habe ich auch die Vorurteile gegenüber der Einnahme von Antideperessiva revidiert. Die letzten 3 Jahre waren sehr schwer und meine Gemütsschwankungen (viel geweint) wurden intensiver. Da ich mich aber im Hamsterrad bewegt habe, die Vorurteile gegen dieses Medikament und mir eingeredet habe, daß die Ursache nur die vorübergehende Belastung ist, lehnte ich es immer ab. Inzwischen nehme ich das Medikament, mir geht es gut und gehe sehr offen mit dem Thema um. Siehe da, es nehmen viele Menschen das Medikament aber durch die Vorurteile spricht man nicht darüber. Meine Vorurteile waren Blödsinn!

Generell gehe ich mit dem Thema Krebs offen gegenüber den Freunden, Bekannten und bei den Nachbarn um. Ich habe schon bei der Krebserkrankung meines Mannes bemerkt, daß es Berührungsängste im Umgang mit Betroffenen und Angehörigen gibt. Für mich war es auch wichtig, dass alle verstehen warum ich mich mal zurückziehe, nicht mehr alles mitmachen kann und auch mal traurig bin. 

Bei der Chemo habe ich folgendes gelernt: Mach das, was Dir gut tut und umgebe Dich mit Menschen die Dir gut tun!!!

Oft stand ich mir während der Chemo selbst im Weg. Den Kraftverlust durch die Chemo zu akzeptieren und das Eingeständnis, nicht mehr alles wuppen zu können, hat sehr lange gedauert. 

Während der Chemo habe ich Höhen und Tiefen bewältigt und ich bin meiner Familie, Freunden, Nachbarn und meiner Hausärztin dankbar, die mit Argusaugen darauf geachtet haben, dass ich nicht in ein "Loch" falle.

Nächste Woche erfahre ich, wie es mit der Behandlung des ungebeten Gastes weiter geht ...

Kirsten SeifertComment